Alice McDuff

Die Reise



Novelle





1. Kapitel - Samstag morgen



Er erkannte sie schon aus der Ferne. Enge braune Lederstiefel, dunkle Jeans, türkisfarbener Angorapulli, der englische Tweed-Mantel mit diesem ausgefallenen Paisley-Muster im Innenstoff, für die Jahreszeit eigentlich noch zu leicht. Dazu fingerlose Strickhandschuhe, dicke Haarsträhnen, die in Wellen unter einer weißen Strickmütze hervorquollen. Und dann dieser Blick. Natürlich erkannte er sie. Die Frau von der Party. Die einzige, die ihm aufgefallen war. Ein Geschöpf, das die Schwingungen verändert, wenn es einen Raum betritt.

An der Hand hielt sie ein Kind, ein Mädchen von vier oder fünf Jahren. So genau konnte er das nicht sagen, er kannte kaum Kinder. Genauso hell, der gleiche tiefsinnige Meeresblick, die Kopfhaltung ebenso stolz. Ohne Zweifel war das ihre Tochter. Sie hatte nicht erwähnt, dass sie Mutter sei. Und Juri hatte ihm auch nichts davon gesagt, zu keinem Zeitpunkt.
Im Gegensatz zu ihr war das Kind warm verpackt. Es trug einen kleinen roten Rucksack auf dem Rücken und umklammerte mit der freien Hand ein unförmiges Stofftier, eine Plüschkatze oder etwas ähnliches. Er bemerkte nun, dass sie ebenfalls einen Rucksack trug, der fast so groß war wie das Kind. Außerdem schob sie einen voll beladenen Kinderwagen vor sich her. Reisetaschen in allen Größen waren darauf verstaut, aus dem Tragenetz schauten eine Brottüte und mehrere Evian-Flaschen hervor, in der Ablage unter dem Sitz erblickte er grüne, prall mit Obst gefüllte Plastiktüten und eine volle Tragetasche aus Jute-Stoff mit der Aufschrift REWE. Alles sah aus wie zufällig gepackt, und doch schien das Gepäck einen anderen, versteckten Sinn zu haben. Dies war mehr als ein Samstags-Einkauf.

Mittlerweile stand sie schräg links vor ihm an der großen Kreuzung, überquerte diese schnell und ging dann mit ihrer Tochter auf dem Gehweg weiter, in seiner Fahrtrichtung. Beide schienen ein klares Ziel zu haben, dass sie zügig erreichen wollten.

Er fuhr seinen Wagen vor, bis er fast auf ihrer Höhe war, und ließ das Fenster herunter:
„Hey!“
Sie ging weiter.
„He, hallo!“
Sie blieb nicht stehen, warf ihm aber einen kurzen, abschätzenden Blick zu. Sie schien ihn nicht zu erkennen, weder ihn noch den Wagen, obwohl sie darin erst vor wenigen Stunden mit ihm gesessen hatte. Ihre Haare hatten sich an den Ledersitzen elektrisch aufgeladen, goldblonde Haare auf cremefarbenem Leder, ihre Augen, bei Tag nun graublau, waren fast so dunkel gewesen wie die Nacht. Wenn man in einer Donnerstagnacht 40 Minuten und 32 Sekunden lang gemeinsam wortlos zusammen in einem britischen 1968er Jaguar XJ 12 sitzt und David Bowies Young Americans hört, erkennt man sich doch am nächsten Samstagmorgen wieder, oder?

Er fuhr weiter im Schritttempo nebenher, beugte sich etwas aus dem Fenster, winkte und rief noch einmal:
„Hey, Alice! Nun warte doch!“
Endlich blieb sie stehen, schaute ihn unwillig an. Sie wusste natürlich, wer er war. Das Kind starrte unverhohlen zu ihm hin.
„Ihr seid beladen“, sagte er, „ich kann Euch mitnehmen. Hier ist jede Menge Platz. Hinten ist auch Platz für die Sachen, auch für den Kinderwagen! Wartet!“
Er öffnete die Fahrertüre, sprang rechts aus dem Wagen, stand direkt neben ihr. Sie war groß, aber er war größer. Er lächelte beide aufmunternd an, ging dann aber direkt auf den Kofferraum zu und öffnete die Klappe.
„Schaut doch! Jede Menge Stauraum für Eure Sachen!“

Sie blickte ihn immer noch prüfend an, erwiderte aber nichts. Er fuhr sich durch die Haare, lächelte. Lächelte sein Ewan McGregor Lächeln. Dann deutete er eine Verbeugung an, hielt ihnen die Autotüre auf und machte eine einladende Bewegung:
„Bitte sehr, die Damen! Es wäre mir eine Freude und Ehre!“
Jetzt gab sie doch nach, lächelte verhalten zurück.
„OK.“ Und zum Mädchen gewandt: „Steig´ ein. Er wird uns zum Bahnhof bringen.“

Im Auto schwieg sie dann wieder, als säße sie in einem Taxi, aber das machte nichts, denn sie war wieder da und ihre Haare verschmolzen wieder mit dem Leder, und nur das zählte. Er versuchte, irgendetwas Passendes, Unverbindliches zu sagen, fand aber nicht das Richtige, daher versuchte er lieber, sich auf die Straße zu konzentrierten. Was ebenfalls misslang.
Es war die Kleine, die das Schweigen unterbrach:
„Wer bist Du?“
„Ich bin Jeffrey. Aber Du kannst mich Jeff nennen. Meine Freunde nennen mich so.“
„Warum fährst Du uns zum Bahnhof?“
„Warum nicht?“
„Du kennst uns doch gar nicht.“
„Ich kenne Deine Mutter. Und Dich möchte ich auch kennen lernen.“ Er blickte in den Rückspiegel. „Wie heißt Du?“
„Emily. Ich habe morgen Geburtstag.“
„Tatsächlich? Wie alt wirst Du, Emily?“
„Fünf Jahre. Ich wünsche mir einen schwarzen Jaguar zum Geburtstag!“
Alice warf ihm erstmals einen kurzen Blick von der Seite zu, und sagte:
„Sie ist ganz verrückt nach Katzen. Vor allem Raubkatzen haben es ihr angetan. Pumas, Tiger, Geparden, Panther, Jaguare und so weiter... na ja.“
Sie lächelte entschuldigend, fügte dann halb fragend, halb feststellend hinzu:.
„Vielleicht ist das besser als Pferde?!“

Er spürte ein leichtes Flattern im Unterbauch, wie vorgestern nacht, als sie neben ihm gesessen, die Knie angezogen und ihre Arme darum geschlungen hatte.
Er lachte, um den Moment zu verlängern und blinzelte Emily zu:
„Das ist aufregend! Wo soll der schwarze Jaguar denn wohnen, wenn er zu Dir kommt?“
„In dem großen Garten bei dem Mann, den Mama kennt. Der hat schon viele Tiere - Pferde, Schlangen, Füchse, auch Nerze und so, sogar einen echten Luchs hat er! Bald wird er sogar einen Puma kaufen, er...“
Alice wandte sich um und unterbrach sie: „Emily, es ist gut!“
Sie hatte sich wieder versteift, ihren Gesichtsausdruck verschlossen. Zu ihm sagte sie nur knapp: „Dahinten kannst Du abbiegen, in die Bahnhofstraße. Du kannst uns an der Rückseite rauslassen. Man kann dort besser halten. Wir haben jetzt ohnehin mehr Zeit, als geplant.“
Sie löste den Gurt und drehte sich zu Emily, um auch das Mädchen loszugurten.

Er zögerte, fuhr sich durch das dichte, dunkle Haar. Das Flattern im Bauch, ihr blonden Haare auf dem Leder, ihre schlanken Finger auf der Armlehne, das fröhliche Mädchen... Nein.

Sie wiederholte, ihr Ton immer noch ruhig, aber etwas schneidender:
„Ich sagte doch – Du kannst uns da hinten rauslassen! Warum fährst Du weiter?“
Nun schwieg er, seine Hände fühlten sich feucht an, zum Glück nimmt ein Lederlenkrad die Feuchtigkeit auf und leitet sie weiter, dachte er sich, Leder ist immer gut, auch wenn es einen Eigengeruch hat. Leder lebt, Leder erinnert sich, genau wie Haare oder Fell oder Haut. Ich lasse sie jetzt nicht raus, jetzt noch nicht!
Er lenkte den Wagen von der Bahnhofsstraße auf den Autobahnzubringer, und schaltete in den nächsthöheren Gang.

Eine kurzer Augenblick verging, dann erklang ihre Stimme, sie war aufgebracht:
„Jeffrey, was soll das? Was tust Du? Was fällt Dir ein?“
Sie hatte sich ihm erstmals ganz zugewandt, ihre Augen funkelten erbost, jetzt wieder so dunkel wie vorgestern nacht, diesmal war es aber der Ärger.
„Lass´ uns auf der Stelle raus!“
Dann machte sie eine schnelle Bewegung, als wolle sie nach der Handbremse greifen, aber er kannte den Wagen besser und war schneller. Ihre Hände berührten sich. Schnell zog sie die Hand zurück. Ihre Unterlippe zitterte, doch sie beherrschte sich.

Das Mädchen hatte etwas bemerkt und fing an zu schluchzen, Mama, Mama, ich will raus!, die Mütze war verrutscht und er sah, dass sie wie ihre Mutter heute einen Pferdeschwanz trug. Sie war die Miniaturausgabe ihrer Mutter, ein kleines Fohlen, dass all´ die Stimmungen des Muttertieres spiegelte, ohne sich dessen bewusst zu sein. Das Fohlen, die Stute und der Jaguar. Eine merkwürdige Vorstellung.

Seine Gedanken rasten, er wollte die Kleine ja nicht ängstigen. Er wollte auch Alice nicht verärgern. Sie sollten sich wohlfühlen bei ihm, so wie er sich mit ihnen wohlfühlte. Er suchte nach Worten, um sie zu beruhigen, irgendetwas Besänftigendes, um Zeit zu gewinnen, nur was?
„Bitte macht Euch keine Sorgen", sagte er schließlich. "Wo wollt Ihr hin? Ich möchte Euch gerne fahren! Das ganze unpraktische Gepäck, die kalten Bahnsteige, die Warterei. Da ist es doch hier weit besser! Nicht wahr, Emily? Ich fahre Euch, dann müsst ihr nicht so lange am Bahnhof herumstehen. Es ist kalt. Und die Züge halten ständig und überall, nur nicht dort, wo man es möchte, und aussteigen kann man auch nicht, wann man will. Wir hingegen können anhalten, wo und wann immer wir möchten!“

Alice hatte sich inzwischen etwas umgewandt, mit ihrer rechten Hand die kleinen Finger ihrer Tochter umschlossen, um diese zu beruhigen. Sie zog die Luft scharf ein, atmete wieder aus. Sie spürte ihr Handy in der linken Innentasche ihres Mantels, konnte es förmlich sehen. Zwei, drei Handgriffe entfernt. Es war nah und doch so fern. Aber es war zu riskant, sie musste abwarten, es auf andere Weise versuchen. Sie blickte ihn direkt an und sagte mit fester, recht ruhiger Stimme, über die sie selbst erstaunt war:
„Jeffrey. Wir wollen, dass Du jetzt hältst. Wir wollen jetzt aussteigen, hier. Genau hier.“
Emily wiederholte: „Hörst Du? Mama und ich wollen aussteigen!“

Er schluckte. Spürte, wie sein rechtes Bein zitterte. Auch seine rechte Unterlippe und sein rechtes Auge zucken. Das Kribbeln und Stechen, wie immer von rechts kommend. Hoffentlich kein Anfall. Rechts war seine Schwachseite. Er war Linkshänder, seine linke Seite hatte er meistens unter Kontrolle, aber rechts war seine Achillesverse. Zum Glück saß sie links von ihm und schien es nicht zu bemerken. Er holte mehrmals tief Luft, schloss die Augen, öffnete sie wieder. Es ging vorüber. Gott sei Dank. Der Schlafentzug der letzten Tage, die lange nächtliche Fahrt von London nach Deutschland, die Party. Er musste unbedingt auf mehr Schlaf achten.

Ihre Stimme kam näher, drang wieder zu ihm, sanft und fast flehend: Jeffrey! Komm´schon!!
Er hörte sich erwidern:
„Nein. Es tut mir leid. Ich kann Euch jetzt nicht rauslassen. Ich fahre Euch! Ihr werdet sicher und gut an Euer Ziel gelangen. Vertraut mir.“
Er fühlte sich nun besser, hatte wieder alles unter Kontrolle.

Sie schwieg, saß regungslos da und blickte angestrengt auf die vorbeieilenden Zeichen der Autobahn, auf der sie sich mittlerweile befanden. Offenbar dachte sie nach.
„Nun gut.", sagte sie schließlich. "Wir müssen nach Süden. Nach Liechtenstein.“

Liechtenstein also. Alice, Emily, der Jaguar und ich reisen nach Liechtenstein. So einfach geht es. Er lächelte wieder. Aus den Augenwinkeln erkannte Alice so etwas wie Dankbarkeit und Erleichterung auf seinem Gesichtsausdruck.

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2. Kapitel - Vorgestern

Etwa eine halbe Stunde war vergangen. Emily hatte sich offenbar wieder beruhigt, sie sprach mit ihrem Plüschlöwen.
„Bald sind wir bei Adrian, dort bekommen wir ein eigenes Zimmer, so groß wie der ganze Kindergarten. Wir können dann mit den anderen Tieren in einer Höhle spielen, und ein Schwimmbad gibt es da auch. Vielleicht bringe ich Dir schwimmen bei?“
Und so weiter. Alice schwieg hartnäckig. Rechts und links von ihr flogen Verkehrsschilder vorbei, sie erkannte die Umrisse einiger Bäume, die noch immer in Winterstarre lagen, obwohl es schon Anfang April war. Sie nahm sie kaum wahr. Gedanken kreisten in ihrem Kopf, verweilten, wurden konkreter, um nur kurz darauf wieder zu verschwinden. Dann ein neuer Gedanke: Juri. Juri! Vielleicht könnte sie Juri anrufen, ohne dass Jeffrey sie daran hintern würde? Vielleicht wäre das eine Möglichkeit, und Juri könnte vermitteln und ihn zur Vernunft bringen? Schließlich war Juri auch Jeffreys Freund, Juri, der ihnen dies hier eingebrockt hatte. Juri, der die Fäden des Zufalls in der Hand genommen und sie vorgestern Nacht einander vorgestellt hatte.

Es war schon weit nach Mitternacht gewesen, in der Mitte seines Wohnzimmers. Die meisten Gäste hatten sich in die plüschige Sofaecke gekuschelt, einige rauchten, lachten leise miteinander oder unterhielten sich, andere hatten sich um den offenen Barbereich – eigentlich eine dieser modernen, freistehenden Küchen - gruppiert . Ein Mann und eine Frau tanzten versunken miteinander. Juri hatte Alice mit der Hand ein Zeichen gemacht, während er Jeff, von der gläsernen Schiebetür zur Terrasse her, die offen stand, mit der anderen Hand bis in Mitte des Raumes schob.
„Alice, das ist Jeff! Ich möchte, dass Ihr Euch kennen lernt.“
Er hatte, wie es so seine Art war, vielsagend vom einen zum anderen geblickt und wiederholt:
„Genau, Ihr solltet einander kennen lernen, Ihr zwei!“ Und, zu Jeffrey gewandt:
„Sie hat ein Herz für Briten, Jeff! Vielleicht hast Du Glück!“
Dann hatte er sein etwas zynisches Lachen gelacht, das typische Juri-Lachen, Jeffrey ermunternd auf die Schulter geklopft und sich mit den Worten verabschiedet:
„ Bis später! Ich muss mich jetzt um diese dunkelhäutige Schönheit da hinten kümmern.“

Sie hatten beide da gestanden und geschmunzelt, ihm nachgesehen, wie er sich, lang und dürr, mit schlaksigen Schritten entspannt auf besagte Schönheit zubewegte, und Jeffrey hatte die Augenbrauen angehoben, als wolle er sagen: Nun ja, das ist Juri. Wir kennen ihn beide. Wir wissen, dass er einen aus jeder erdenklichen Scheiße holen würde, wenn es nötig wäre, aber heute schmeißt er eine Party, und vermutlich er hat eine Line gezogen oder zwei, deshalb müssen wir jetzt alleine klar kommen.

Sie standen also einen Augenblick lang einander wortlos gegenüber, und sie ertappte sich dabei, dass sie seine Gestalt und sein Gesicht in sich aufnahm, die alles enthielten, worüber sie eigentlich gehofft hatte, hinweg zu sein. Er überragte sie um etwa einen halben Kopf, war schlank, aber nicht hager. Unter dichten, dunklen Wimpern funkelten mit ungewöhnlicher Intensität flaschengrüne Augen, die sie irgendwie an einen Luchs erinnerten. Seine scharfgeschnittenen Züge bildeten einen eigentümlichen Kontrast zu dem weichen, dunkelbraunen Haar, das zerzaust und widerspenstig in alle Richtungen stand, aber nicht ungepflegt war. Es hatte einen Stich ins Rötliche, zumindest schien es ihr bei dieser schummerigen Party-Beleuchtung so. Unter der leicht gebräunten Haut entdeckte sie bei genauerer Betrachtung jede Menge Sommersprossen. Und unmittelbar darunter – an den Schläfen und am Halsansatz - glaubte sie, seinen Pulsschlag wahrnehmen zu können. Möglicherweise hat er irisches Blut in sich? Der Gedanke gefiel ihr. Obwohl er nicht ungewöhnlich gekleidet war – ein grobgestrickter, dunkelgrüner Rollkragenpullover mit eingearbeitetem Reißverschluss am Hals und eine schwarze Kordhose zu braunen, robusten Lederschuhen- strahlte seine ganze Erscheinung so etwas wie lässige Extravaganz aus. Und es war, jedenfalls für Alice, auf den ersten Blick erkennbar, dass er Engländer war. Sie musterte ihn immer noch, was ihn zu einem amüsierten Lächeln veranlasste, wobei seine Augen sich verschmälerten und die Eckzähne weiß aufblitzen, was sie wieder an eine Raubkatze denken ließ. „Sollen wir hinausgehen, Alice?“
Sie nickte und folgte ihm auf die Terrasse.

Es war eine kühle, klare Nacht. Sie gingen am Pool vorbei, die drei Stufen hinunter auf die Rasenfläche. Dort standen ein paar andere Partygäste in Gruppen, darunter auch Leah und Isabelle, die sie von anderen Juri-Fêten kannte. Als sie ein paar Meter an ihnen vorbeigingen, ignorierte Leah sie jedoch vollkommen und rief stattdessen:
„Hey, Jeff! Auch mal wieder im Lande? Verkaufst Du eine neue Idee? Bleibst Du länger?“
Jeffrey warf ihr jedoch nur einen flüchtigen Blick zu, deutete mit dem Kopf eine halbherzige Begrüßung an und antwortete, ohne stehen zu bleiben:
„Nein, diesmal nicht, Leah.“
Dann wandte er sich Alice zu, berührte sacht ihren Arm und lenkte sie durch eine Gruppe dichter, kleiner Büsche über Juris weitläufigen Garten auf die breite Einfahrt, wo die meisten Gäste ihre Wagen geparkt hatte.
„Komm“, sagte er. „Da vorne steht mein Wagen.“
Es war ein schwarzer  Jaguar, ein britisches Limousinen-Modell, die Fahrerseite rechts. Und Alice stieg wie selbstverständlich links ein und versank in den hellen Ledersitzen, roch das dunkle Mahagoniholz und nahm auch Jeffs Geruch wahr, den Geruch einer Raubkatze, deren seidiges Fell gerade erst die Hitze der Mittagssonne abgibt.
OK. Ich habe mich in die Falle locken lassen. Für´s Erste. Aber es wird nicht so kommen, wie Du denkst. So einfach ist es nicht. Er unterbrach ihre Gedanken:
„Alles in Ordnung?“
Sie lächelte ihn an, gab sich souverän:
„Ja. Sicher.“ Und dann, mit einem Blick auf den weißen IPod, der im Schlummermodus am Armaturenbrett auf den nächsten Schritt zu warten schien:
Machst Du Musik an?“
Er nickte .„Natürlich.“
Seine Finger berührten das Touch Screen, ohne den IPod aus der Halterung zu nehmen - verdammt, er hat Finger wie ein Pianist! - und ohne sie nach einem Musikwunsch zu fragen, programmierte er das Gerät, bis nach wenigen Sekunden Bowies coole Stimme das Wageninnere durchflutete wie eine Welle.

Young Americans, Bowies souliges Amerika Album aus den 70ies. Sie hatte es lange nicht mehr gehört, wie lange nicht mehr, ach, so lange nicht mehr, dass ihr jetzt schmerzlich bewusst wurde, wie sehr sie es vermisst hatte! Und Bowie gab den Dingen plötzlich eine anderen Bedeutung. Vielleicht ist es ja doch nicht falsch, dass ich hier bei ihm sitze, zwei Tage vor meiner Abreise aus dieser Stadt? Vielleicht ist dies Teil meines Abschieds, oder es soll mich an etwas erinnern, was ich sonst vergessen hätte mitzunehmen, oder es ist ein Moment der Ruhe vor dem Sturm...?

Ohne es zu merken, hatte sie die Augen geschlossen, die Beine angezogen und die Arme darum geschlungen. Hatte den Kopf geleert und sich von der Intensität des Augenblicks mitreißen lassen. Sie hatte seine Gegenwart gespührt, fast so, als berühre er sie, die Erregung in sich aufsteigen spüren, sich aber nicht dagegen gewehrt. Er empfindet dasselbe, deshalb ist es okay.


Got to use her
Every time I feel fascination
I just can't stand still,
I've got to use her
Every time I think of what she pulled me through, dear
Fascination moves sweeping near me
Still I take ya


Doch er hatte sie nicht berührt.

Und als die letzten Akkorde ausklangen, hatte sie die Augen aufgeschlagen und gesehen, dass er sie nicht einmal angeblickt, sondern aus dem Fenster geschaut hatte. Trotzdem war offensichtlich, dass etwas passiert war. Sie hatte seinen Blick aufgefangen, wie können Augen in dieser Dunkelheit so grün leuchten?, ihr Blick war über seine Oberschenkel nach oben geglitten und er hatte es bemerkt, doch bevor er sich regen oder etwas hätte sagen können, hatte sie die Türe geöffnet mit den Worten:
„Ich muss gehen, Jeffrey! Mach´s gut., war aus dem Wagen gesprungen, über die Einfahrt und die Rasenfläche schnell zu Juris Bungalow gelaufen, hatte diesen durchquert und ihn, ohne sich von Juri oder sonst irgendjemandem zu verabschieden, durch den Vorderausgang verlassen. Und er - er hatte keine Anstalten gemacht, ihr zu folgen.

Ich weiß zwar nicht, was Du bist – ein Tier oder ein Mann - aber ich bin Dir entkommen! Du hast gewartet und gelauert, aber ich habe mich tot gestellt wie ein Opossum. Weißt Du, was ein Opossum ist? Das ist ein hässliches Tier, fast eine Ratte, und längst nicht so geschmeidig wie ein Luchs, aber doch sehr clever, mindestens so clever wie ein Luchs, Du siehst ja, Du bist schlau aber ich war einen Augenblick lang schlauer als Du, und so bin ich entkommen! Das hat Dich wohl überrascht, damit hast Du nicht gerechnet, nicht wahr?

Doch sie hatte nicht bedacht, dass Raubkatzen sich nie entmutigen lassen. Dass sie in Etappen jagen. Emily hätte es ihr sagen können, aber sie hatte diese Nacht einfach verdrängt und ihrer Tochter nichts von dem sonderbaren Zusammentreffen mit diesem Luchs oder Jaguar, der ihr in Gestalt eines Mannes begegnet war, erzählt – warum auch, einem vierjährigen Mädchen?! – und jetzt war es passiert. Er hatte sie erneut gestellt und sie war ihm aus Schwäche ein zweites Mal in die Falle gegangen. Diesmal jedoch war er vorgewarnt und würde sie nicht so leicht entgleiten lassen.

Und diesmal hat er auch Emily, und das ändert alles!

*********

3. Kapitel - Auf ins Wunderland



Nachdem sie eine zeitlang schweigend gefahren waren, begann Emily zu fragen:
„Mama, wann sind wir endlich da? „Ma-ma, wann sind wir da??“
Alice hatte darauf nichts anderes zu antworten gewusst als:
„Es dauert noch ein bisschen, aber wir machen bald Rast“, und Jeremy einen auffordernden Blick zuzuwerfen, dies schnell zu bestätigen, was er auch getan hatte.
„Wir stoppen bald, dann können wir etwas essen und Du kannst Dich austoben!“
Und er war tatsächlich an der nächsten Raststätte rausgefahren, hatte den Wagen getankt, während Alice sich mit Emily frisch gemacht hatten. Dann hatten sie sich in den Außenbereich der Raststätte gesetzt, an den ein kleiner Kinderspielplatz grenzte, und etwas Essbares bestellt. Eine attraktive, rothaarige Kellnerin von etwa Mitte vierzig namens Barbara (jedenfalls stand es so auf ihrem Namensschild) hatte ihnen die Getränke serviert. Dann hatte sie sich zu ihrer jüngeren Kollegin, einer korpulenten Blondine gestellt, und beide hatten zu ihnen hinübergesehen, getuschelt und gekichert wie junge Mädchen. Kurz darauf war die jüngere Kollegin mit dem Essen an den Tisch gekommen, das sie sehr ungeschickt servierte, sie hatte sogar eines der Wassergläser umgestoßen und auf Jeffreys Hose verschüttet, woraufhin sie tief errötet war und gestammelt hatte:
„Oh nein, das tut mir leid der Herr, wie dumm von mir, warten Sie, ich hole eine Serviette zum Aufnehmen, oh Gott, die gute Hose...“
Jeffrey aber hatte sich schon eine Papierserviette genommen, seine Hose einigermaßen abgetrocknet und entgegnet:
„Kein Problem, es ist nur Wasser, das passiert doch jedem einmal!“, aber sie war trotzdem hektisch losgelaufen und kurz darauf mit einem Tuch wiedergekommen, das sie Alice in die Hand gedrückt hatte mit den Worten:
„Bitte sehr, vielleicht können Sie...? Es tut mir ja so leid, mein Chef sagt, das Essen geht auf ihn“, als handele es sich um ein 5-Sterne-Menü und nicht um eine schlechtes Raststättenmahlzeit. Alice hatte sie peinlich berührt angeblickt und gerade abwehren wollen, doch Jeffrey war ihr zuvorgekommen:
„Das ist sehr freundlich von Ihnen, Miss! Wir wissen dies sehr zu schätzen, vielen Dank!
Dabei hatte er sie mit einem strahlenden Lächeln bedacht, das die junge Kellnerin noch tiefer erröten ließ, falls dies überhaupt möglich war. Erstmals hatte ein feiner, britischer Akzent seine Stimme verfärbt, so dass Alice ihn verblüfft angesehen und amüsiert die Augenbrauen hochgezogen hatte. Emily hatte ihr Kinderschnitzel mit Pommes verschlungen, war aufgesprungen und auf den angrenzenden Spielplatz gerannt.

„Jeffrey, komm´ mit! Du sollst mich anschaukeln!“ rief sie nun fröhlich.
Jeffrey stand auf, lächelte Alice entschuldigend an und meinte:
„Hast Du etwas dagegen?“
 Sie schüttelte den Kopf und sah ihm dabei zu, wie er Emily Schwung gab, indem er sich vor sie stellte, sie an den Beinen so hoch wie möglich nach oben zog und dann die Schaukel plötzlich losließ. Er selbst blieb vor der Schaukel stehen und sprang immer im letzten Augenblick zur Seite, so dass Emily ihn nur knapp mit den Füßen verfehlte, was ihr großes Vergnügen bereitete. So schaukeln nur Männer Kinder an, dachte Alice bei sich. Doch sie musste aber unwillkürlich lächeln, als sie sah, wie Emily vor Freude jauchzte und immer höher schaukelte, um Jeffrey vielleicht doch noch zu erwischen. Ab und zu gelang es ihr, sich mit den Füßen an seinen Händen abzustoßen, was sie begeistert aufjubeln ließ.
Der Instinkt eines Kindes. Die Wahrheit des Kindes. Ein Kind täuscht sich selten, und Emily noch seltener...oder?

Sie wurde sich plötzlich bewusst, dass jetzt eine gute Gelegenheit wäre, zu telefonieren. Jemanden anzurufen. Doch wen, und was sollte sie sagen? Sollte sie etwa ihre Eltern anrufen, die ganz woanders wohnten und nicht einmal wussten, dass sie unterwegs war? Oder Juri, der vermutlich noch einen Freitagabend-Rausch ausschlief, einen Rausch von einer anderen Party mit einer anderen Schönheit? Oder Adrian, der sie noch gar nicht vermisste, weil er sie nicht vor heute Abend erwartete? Einmal angenommen, sie würde Adrian jetzt anrufen, was sollte sie ihm sagen? Adrian, wir sind entführt worden! Das traf die Sache nicht. Oder: - Adrian, wir sind auf dem Weg. Wir haben aber nicht den Zug genommen, sondern kommen mit dem Auto. Ein Mann hat uns mitgenommen...  Wie bitte? Nein, nicht irgendein Mann, es ist jemand, dem ich schon einmal begegnet bin, ein Bekannter (aber war Jeffrey denn ein Bekannter?), im Grunde genommen ist er ein Luchs, zumindest erinnert er mich an einen Luchs, doch er fährt einen Jaguar - so ein altes, britisches Modell.... -  kannst Du mir folgen??

Warum also anrufen? Wenn Jeffrey ihr oder Emily etwas hätte antun wollen, hätte er dies schon längst getan, oder? Jeffrey mochte merkwürdig sein, aber er schien nichts Schlechtes im Sinn zu haben. Er schien sie tatsächlich an ihren Bestimmungsort fahren zu wollen, und war offenbar einfach nur an ihrer Gesellschaft interessiert. Warum auch nicht? Sie verspürte einen gewissen Trotz, aber keinerlei Angst mehr und beschloss, entspannt abzuwarten, wie sich die Dinge entwickeln würden. Sie würde sich überraschen lassen. Eigentlich ist es doch das, wonach Du suchst: nach Gelegenheiten, Dich vom Schicksal überraschen zu lassen.

Barbara trat an den Tisch, um abzuräumen. Sie wies mit dem Kopf auf das halbe Sandwich, das noch auf Jeffreys Teller lag.
„Soll ich es einpacken? Er hat ja kaum hineingebissen, er wird sicher noch Hunger haben“ Alice nickte.
„Ja, gerne. Vielen Dank!“
 Beide blickten zum Spielplatz hinüber. Barbara blinzelte ihr vielsagend zu:
„Sie haben Glück! Ein so gutaussehender Mann – und ein so toller Vater obendrein!“
Alice wollte gerade etwas entgegnen, aber Barbara fuhr unbeirrt fort:
„Er hat große Ähnlichkeit mit diesem Schauspieler, diesem englischen Kerl, wie heißt er doch gleich...?“
Alex versuchte es auf gut Glück:
„Ewan McGregor?“
„Nein, nein, der nicht, warten Sie...“, sie winkte Ihrer pummeligen Kollegin zu, „Susie, komm´ doch mal, wie heißt er noch gleich, dieser britische Schauspieler, der genauso aussieht wie der Herr hier?“
Susie trat ein paar Schritte an den Tisch, errötete wieder und sagte:
„Jude Law!“
Dann kicherte sie und schlug sich die Hand vor den Mund, während Barbara unbeeindruckt weiterplauderte:
„Genau! Jude Law. Der hübsche Kerl aus Alfie, der eine Frau nach der anderen vernascht, wirklich, ihr Mann sieht ihm zum Verwechseln ähnlich!“ Und dann, mit verschwörerischem Grinsen: 
„Aber passen bloß Sie auf, dass Sie das richtige Kindermädchen für die Kleine auswählen, es sollte nicht zu hübsch sein, sie haben ja gesehen, was sonst passiert!" Sie machte eine wegwerfende Handbewegung.
"Wissen Sie... eigentlich sind doch fast alle Männer gleich, wenn´s um das Eine geht. Sie werden schwach, es sind ihre Hormone oder sie brauchen es für ihr Ego! Irgendwann ist jeder an dem Punkt. Meiner war auch ein schicker Typ, aber ein verdammter Schürzenjäger bis zum geht nicht mehr! Irgendwann habe ich die Schnauze voll gehabt, hab´ meine Kinder eingepackt und ihn verlassen, bevor er´s tun konnte. Es hat ihn kaum interessiert, er hat sich eigentlich nie für seine Kinder interessiert, nur für sich selbst. Dass er mal mit ihnen gespielt hätte wie Ihrer mit der Kleinen, da hätten wohl Weihnachten und Ostern zusammenfallen müssen! Ich streite heute noch mit ihm darum, dass er die Alimente regelmäßig zahlt. Meinen Sie, ich würde mir sonst in diesem Laden hier die Hacken wund laufen?“
Sie blickte noch einmal zu Jeffrey und Emily hinüber, schüttelte dann den Kopf.
„Tja... aber mir scheint, Ihrer ist doch wirklich anders, so wie er mit der Kleinen umgeht, der wird sein Kind nie im Stich lassen. Vielleicht ist er tatsächlich eine von diesen wenigen Ausnahmen, von denen man immer mal wieder hört?! Wenn´s so ist, sollten Sie ihn gut festhalten, ihn verwöhnen und immer wieder überraschen, damit er merkt, dass es sich lohnt, anders zu sein als die anderen!“
Alice nickte ihr zu, belustigt und nachdenklich. Dann machte Sie Jeffrey ein Zeichen.
„Jeffrey, lass´ uns weiterfahren!“

Kaum saßen sie wieder im Auto, fing Emily an zu nörgeln.
„Ich will nicht mehr Auto fahren. Es ist langweilig! Wann sind wir da? Wo schlafen wir heute überhaupt?"
Alice zuckte zusammen. Wo schlafen wir überhaupt? Sie hatten keinerlei Gedanken an diese Frage verschwendet, aber natürlich stellte sich die Frage, es war schon Nachmittag und sie hatte nur eine grobe Vorstellung davon, wo sie sich befanden... noch vor Stuttgart, oder schon dahinter?
Jeffrey sagte:
„In etwa zwei Stunden sind wir an der Grenze zur Schweiz. Direkt dahinter kenne ich eine nette kleine Gaststätte. Die Wirtin heißt Emma und hat fünf Katzen. Wenn man sein Frühstücksei aufschlägt, kann man auf den Bodensee schauen. Das ist sehr malerisch. Und nach dem Frühstück nehmen wir dann Kurs auf Liechtenstein, und ihr seid zum Mittagessen dort.“
Alice schluckte, wandte den Kopf zu ihm um.
„Du meinst, wir fahren nicht durch?“
„Nein, auf keinen Fall. Das schafft der alte Lord hier nicht.“ Er lächelte seelenruhig, fast etwas spöttisch, während er zärtlich über das Lederlenkrad seines Wagens strich.

Mit einem Mal dachte Alice: Was, wenn er doch verrückt ist? Sie biss sich auf die Unterlippe, überlegte. Hatte eine Idee. Die Grenze! Hier würden sie einfach aus diesem merkwürdigen Film aussteigen, im Schutze der Schweizer Grenzbeamten. Adrian könnte sie dann immer noch dort abholen, es war nicht weit von Liechtenstein bis zur deutsch-schweizerischen Grenze, das wusste sie. Vielleicht zwei Stunden. Zur Not könnten sie an der Grenzstation warten. Sie durfte sich jetzt nur nichts anmerken, musste einfach mitspielen.
Sie nickte ihm zu, scheinbar gelassen.
„Okay. Klingt gut.“
Emily genügte das aber nicht:
„Aber ich langweile mich. Zwei Stunden sind viel zu lang! Was soll ich bis dahin machen?“
Jeffrey blickte sie im Rückspiegel an. Dann sagte er:
„Ich werde Dir eine Geschichte erzählen.“
„Was für eine Geschichte.“
„Die Geschichte von der kleinen Alice im Wunderland. Kennst Du sie?“
„Nein!“
„Willst Du sie hören?“
„Au ja! Erzähl´, Jeffrey, erzähl sie mir die Geschichte!“

Jeffrey schloss die Augen, blickte kurz nach innen, öffnete sie dann wieder. Dann begann er:

„Alice's Abenteuer im Wunderland

von Lewis Carroll.

Erstes Kapitel

Hinunter in den Kaninchenbau.

Alice fing an sich zu langweilen; sie saß schon lange bei ihrer
Schwester am Ufer und hatte nichts zu tun. Das Buch, das ihre Schwester
las, gefiel ihr nicht; denn es waren weder Bilder noch Gespräche darin.
»Und was nützen Bücher,« dachte Alice, »ohne Bilder und Gespräche?«

Sie überlegte sich eben, (so gut es ging, denn sie war schläfrig und
dumm von der Hitze,) ob es der Mühe wert sei aufzustehen und
Gänseblümchen zu pflücken, um eine Kette damit zu machen, als plötzlich
ein weißes Kaninchen mit roten Augen dicht an ihr vorbeirannte.

Dies war grade nicht sehr merkwürdig; Alice fand es auch nicht  sehr
außerordentlich, dass sie das Kaninchen sagen hörte: »O weh, o weh! Ich
werde zu spät kommen!« (Als sie es später wieder überlegte, fiel ihr
ein, dass sie sich darüber hätte wundern sollen, doch zur Zeit kam es ihr
Alles ganz natürlich vor.) Aber als das Kaninchen seine Uhr aus der
Westentasche zog, nach der Zeit sah und eilig fortlief, sprang Alice
auf; denn es war ihr doch noch nie vorgekommen, ein Kaninchen mit einer
Westentasche und eine Uhr darin zu sehen. Vor Neugierde brennend, rannte
sie ihm nach, über den Grasplatz, und kam noch zur rechten Zeit, um es
in ein großes Loch unter der Hecke schlüpfen zu sehen.

Den nächsten Augenblick war sie ihm nach in das Loch hineingesprungen,
ohne zu bedenken, wie in aller Welt sie wieder herauskommen könnte…“

Emily unterbrach ihn mit großen Augen:
„Sie ist einfach in das Loch gesprungen? Was ist das für ein Loch? Ist es tief??“
Jeffrey grinste.
„Wart´s ab!“ Und er fuhr fort:

Der Eingang zum Kaninchenbau lief erst geradeaus, wie ein Tunnel und
ging dann plötzlich abwärts; ehe Alice noch den Gedanken fassen konnte
sich schnell festzuhalten, fühlte sie schon, dass sie fiel, wie es
schien, in einen tiefen, tiefen Brunnen.

Entweder musste der Brunnen sehr tief sein, oder sie fiel sehr langsam;
denn sie hatte Zeit genug, sich beim Fallen umzusehen und sich zu
wundern, was nun wohl geschehen würde. Zuerst versuchte sie hinunter zu
sehen, um zu wissen wohin sie käme, aber es war zu dunkel etwas zu
erkennen. Da besah sie die Wände des Brunnens und bemerkte, dass sie mit
Küchenschränken und Bücherbrettern bedeckt waren; hier und da erblickte
sie Landkarten und Bilder, an Haken aufgehängt. Sie nahm im Vorbeifallen
von einem der Bretter ein Töpfchen mit der Aufschrift: »Eingemachte
Apfelsinen«, aber zu ihrem großen Verdruss war es leer. Sie wollte es
nicht fallen lassen, aus Furcht Jemand unter sich zu töten; und es
gelang ihr, es in einen andern Schrank, an dem sie vorbeikam, zu
schieben.

»Nun!« dachte Alice bei sich, »nach einem solchen Fall werde ich mir
nichts daraus machen, wenn ich die Treppe hinunter stolpere. Wie mutig
sie mich zu Haus finden werden! Ich würde nicht viel Redens machen, wenn
ich selbst von der Dachspitze hinunter fiele!« (Was sehr wahrscheinlich
war.)

Hinunter, hinunter, hinunter! Wollte denn der Fall nie endigen? »Wie
viele Meilen ich wohl jetzt gefallen bin!« sagte sie laut. »Ich muss
ungefähr am Mittelpunkt der Erde sein. Lass sehen: das wären achthundert
und fünfzig Meilen, glaube ich --« (denn ihr müsst wissen, Alice hatte
dergleichen in der Schule gelernt, und obgleich dies keine sehr gute
Gelegenheit war, ihre Kenntnisse zu zeigen, da Niemand zum Zuhören da
war, so übte sie es sich doch dabei ein) -- »ja, das ist ungefähr die
Entfernung; aber zu welchem Länge- und Breitegrade ich wohl gekommen
sein mag?« (Alice hatte nicht den geringsten Begriff, was weder
Längegrad noch Breitegrad war; doch klangen ihr die Worte großartig und
nett zu sagen.)…“



Und so fuhr er fort, Wort für Wort. Emily unterbrach ihn nicht mehr, sondern hörte mit offenem Mund zu. Alice blickte Jeffrey von der Seite an, aber er bemerkte es nicht. Er war bei der anderen Alice, das war offensichtlich. Sie verspürte einen Stich.

Alice kannte den Text. Lewis Carolls Meisterstück. Sie hatte ihn ein halbes Dutzend Mal vorgelesen bekommen – es war kein Zufall, dass ihr der Vorname „Alice“ gegeben worden war! Später hatte sie das Buch dann selbst gelesen, viele viele Male. Hatte außerdem fast alle Adaptationen gesehen, die erste sprechende Alice von Bud Pollard, die erste Alice in Farbe von Dallas Bower, die verschiedenen Fernseh-Alices (oft mit ihrer Mutter zusammen) und natürlich die von Disney erschaffene Alice, immer wieder Disney… Disneys Trickfilm-Alice und nun, es war keine zwei Wochen her, die bildgewaltige Alice-Interpretation von Tim Burton, mit einer Alice, die sie an Emily in zehn Jahren denken ließ und mehr Alice als jede andere Alice zuvor war (oder doch nicht?).... und mit einem grandiosen Mad Hatter aufwartete, dessen Augen noch flaschengrüner und verrückter als die von Jeffrey waren und sie durcheinander gebracht hatte, weil sie einen so anziehenden Hatter nie für möglich gehalten hätte. Und schließlich: „Alice und die Wahrnehmung der Zeit“ waren auch das Thema ihrer Magisterarbeit gewesen, und auch wenn sie nicht das Gefühl hatte, dem Text je beigekommen zu sein, war eines sicher: Sie kannte den ihn! Konnte die Geschichte wiedergeben. Aber wäre sie auch nur in der Lage gewesen, die einzelnen Szenen in korrekter chronologischer Reihenfolge zu setzen? Vermutlich nicht.

Und jetzt saß sie neben diesem Mann, der sie ungebeten durch Europa fuhr und dabei ihrer Tochter die Abenteuer der anderen Alice erzählte, als hätte er diese auswendig gelernt, extra für sie, what´s a nice kid like you doin´in a place like this?, und verdammt: er kannte sie tatsächlich auswendig, die ganzen verdammten Abenteuer und den ganzen verdammten Text kannte er auswendig, Wort für Wort und Zeile für Zeile und Seite für Seite… Und sie, sie konnte sich nicht dagegen wehren, ihm ebenso gebannt zuzuhören wie ihre kleine Tochter, auch wenn dabei eine Mischung aus Ärger, Herzklopfen und Hitze sich in ihrem Inneren breit machten, und sie weghören wollte oder zumindest wegschauen, aber noch nicht einmal das gelang ihr – sie starrte gebannt auf Jeffreys Profil und das grün seiner Augen und beobachtete, wie die Wörter von seinen Lippen tanzten und er mit seiner Stimme und seinem Atem und den Worten von Lewis Caroll eine altbekannte Märchenwelt neu erstehen ließ und sie dabei alle in ein Loch hineinzog, dass ihr plötzlich tiefer und ungewisser vorkam als jedes andere zuvor.

Fortsetzung folgt...