1. Kapitel - Samstag morgen



Er erkannte sie schon aus der Ferne. Enge braune Lederstiefel, dunkle Jeans, türkisfarbener Angorapulli, der englische Tweed-Mantel mit diesem ausgefallenen Paisley-Muster im Innenstoff, für die Jahreszeit eigentlich noch zu leicht. Dazu fingerlose Strickhandschuhe, dicke Haarsträhnen, die in Wellen unter einer weißen Strickmütze hervorquollen. Und dann dieser Blick. Natürlich erkannte er sie. Die Frau von der Party. Die einzige, die ihm aufgefallen war. Ein Geschöpf, das die Schwingungen verändert, wenn es einen Raum betritt.

An der Hand hielt sie ein Kind, ein Mädchen von vier oder fünf Jahren. So genau konnte er das nicht sagen, er kannte kaum Kinder. Genauso hell, der gleiche tiefsinnige Meeresblick, die Kopfhaltung ebenso stolz. Ohne Zweifel war das ihre Tochter. Sie hatte nicht erwähnt, dass sie Mutter sei. Und Juri hatte ihm auch nichts davon gesagt, zu keinem Zeitpunkt.
Im Gegensatz zu ihr war das Kind warm verpackt. Es trug einen kleinen roten Rucksack auf dem Rücken und umklammerte mit der freien Hand ein unförmiges Stofftier, eine Plüschkatze oder etwas ähnliches. Er bemerkte nun, dass sie ebenfalls einen Rucksack trug, der fast so groß war wie das Kind. Außerdem schob sie einen voll beladenen Kinderwagen vor sich her. Reisetaschen in allen Größen waren darauf verstaut, aus dem Tragenetz schauten eine Brottüte und mehrere Evian-Flaschen hervor, in der Ablage unter dem Sitz erblickte er grüne, prall mit Obst gefüllte Plastiktüten und eine volle Tragetasche aus Jute-Stoff mit der Aufschrift REWE. Alles sah aus wie zufällig gepackt, und doch schien das Gepäck einen anderen, versteckten Sinn zu haben. Dies war mehr als ein Samstags-Einkauf.

Mittlerweile stand sie schräg links vor ihm an der großen Kreuzung, überquerte diese schnell und ging dann mit ihrer Tochter auf dem Gehweg weiter, in seiner Fahrtrichtung. Beide schienen ein klares Ziel zu haben, dass sie zügig erreichen wollten.

Er fuhr seinen Wagen vor, bis er fast auf ihrer Höhe war, und ließ das Fenster herunter:
„Hey!“
Sie ging weiter.
„He, hallo!“
Sie blieb nicht stehen, warf ihm aber einen kurzen, abschätzenden Blick zu. Sie schien ihn nicht zu erkennen, weder ihn noch den Wagen, obwohl sie darin erst vor wenigen Stunden mit ihm gesessen hatte. Ihre Haare hatten sich an den Ledersitzen elektrisch aufgeladen, goldblonde Haare auf cremefarbenem Leder, ihre Augen, bei Tag nun graublau, waren fast so dunkel gewesen wie die Nacht. Wenn man in einer Donnerstagnacht 40 Minuten und 32 Sekunden lang gemeinsam wortlos zusammen in einem britischen 1968er Jaguar XJ 12 sitzt und David Bowies Young Americans hört, erkennt man sich doch am nächsten Samstagmorgen wieder, oder?

Er fuhr weiter im Schritttempo nebenher, beugte sich etwas aus dem Fenster, winkte und rief noch einmal:
„Hey, Alice! Nun warte doch!“
Endlich blieb sie stehen, schaute ihn unwillig an. Sie wusste natürlich, wer er war. Das Kind starrte unverhohlen zu ihm hin.
„Ihr seid beladen“, sagte er, „ich kann Euch mitnehmen. Hier ist jede Menge Platz. Hinten ist auch Platz für die Sachen, auch für den Kinderwagen! Wartet!“
Er öffnete die Fahrertüre, sprang rechts aus dem Wagen, stand direkt neben ihr. Sie war groß, aber er war größer. Er lächelte beide aufmunternd an, ging dann aber direkt auf den Kofferraum zu und öffnete die Klappe.
„Schaut doch! Jede Menge Stauraum für Eure Sachen!“

Sie blickte ihn immer noch prüfend an, erwiderte aber nichts. Er fuhr sich durch die Haare, lächelte. Lächelte sein Ewan McGregor Lächeln. Dann deutete er eine Verbeugung an, hielt ihnen die Autotüre auf und machte eine einladende Bewegung:
„Bitte sehr, die Damen! Es wäre mir eine Freude und Ehre!“
Jetzt gab sie doch nach, lächelte verhalten zurück.
„OK.“ Und zum Mädchen gewandt: „Steig´ ein. Er wird uns zum Bahnhof bringen.“

Im Auto schwieg sie dann wieder, als säße sie in einem Taxi, aber das machte nichts, denn sie war wieder da und ihre Haare verschmolzen wieder mit dem Leder, und nur das zählte. Er versuchte, irgendetwas Passendes, Unverbindliches zu sagen, fand aber nicht das Richtige, daher versuchte er lieber, sich auf die Straße zu konzentrierten. Was ebenfalls misslang.
Es war die Kleine, die das Schweigen unterbrach:
„Wer bist Du?“
„Ich bin Jeffrey. Aber Du kannst mich Jeff nennen. Meine Freunde nennen mich so.“
„Warum fährst Du uns zum Bahnhof?“
„Warum nicht?“
„Du kennst uns doch gar nicht.“
„Ich kenne Deine Mutter. Und Dich möchte ich auch kennen lernen.“ Er blickte in den Rückspiegel. „Wie heißt Du?“
„Emily. Ich habe morgen Geburtstag.“
„Tatsächlich? Wie alt wirst Du, Emily?“
„Fünf Jahre. Ich wünsche mir einen schwarzen Jaguar zum Geburtstag!“
Alice warf ihm erstmals einen kurzen Blick von der Seite zu, und sagte:
„Sie ist ganz verrückt nach Katzen. Vor allem Raubkatzen haben es ihr angetan. Pumas, Tiger, Geparden, Panther, Jaguare und so weiter... na ja.“
Sie lächelte entschuldigend, fügte dann halb fragend, halb feststellend hinzu:.
„Vielleicht ist das besser als Pferde?!“

Er spürte ein leichtes Flattern im Unterbauch, wie vorgestern nacht, als sie neben ihm gesessen, die Knie angezogen und ihre Arme darum geschlungen hatte.
Er lachte, um den Moment zu verlängern und blinzelte Emily zu:
„Das ist aufregend! Wo soll der schwarze Jaguar denn wohnen, wenn er zu Dir kommt?“
„In dem großen Garten bei dem Mann, den Mama kennt. Der hat schon viele Tiere - Pferde, Schlangen, Füchse, auch Nerze und so, sogar einen echten Luchs hat er! Bald wird er sogar einen Puma kaufen, er...“
Alice wandte sich um und unterbrach sie: „Emily, es ist gut!“
Sie hatte sich wieder versteift, ihren Gesichtsausdruck verschlossen. Zu ihm sagte sie nur knapp: „Dahinten kannst Du abbiegen, in die Bahnhofstraße. Du kannst uns an der Rückseite rauslassen. Man kann dort besser halten. Wir haben jetzt ohnehin mehr Zeit, als geplant.“
Sie löste den Gurt und drehte sich zu Emily, um auch das Mädchen loszugurten.

Er zögerte, fuhr sich durch das dichte, dunkle Haar. Das Flattern im Bauch, ihr blonden Haare auf dem Leder, ihre schlanken Finger auf der Armlehne, das fröhliche Mädchen... Nein.

Sie wiederholte, ihr Ton immer noch ruhig, aber etwas schneidender:
„Ich sagte doch – Du kannst uns da hinten rauslassen! Warum fährst Du weiter?“
Nun schwieg er, seine Hände fühlten sich feucht an, zum Glück nimmt ein Lederlenkrad die Feuchtigkeit auf und leitet sie weiter, dachte er sich, Leder ist immer gut, auch wenn es einen Eigengeruch hat. Leder lebt, Leder erinnert sich, genau wie Haare oder Fell oder Haut. Ich lasse sie jetzt nicht raus, jetzt noch nicht!
Er lenkte den Wagen von der Bahnhofsstraße auf den Autobahnzubringer, und schaltete in den nächsthöheren Gang.

Eine kurzer Augenblick verging, dann erklang ihre Stimme, sie war aufgebracht:
„Jeffrey, was soll das? Was tust Du? Was fällt Dir ein?“
Sie hatte sich ihm erstmals ganz zugewandt, ihre Augen funkelten erbost, jetzt wieder so dunkel wie vorgestern nacht, diesmal war es aber der Ärger.
„Lass´ uns auf der Stelle raus!“
Dann machte sie eine schnelle Bewegung, als wolle sie nach der Handbremse greifen, aber er kannte den Wagen besser und war schneller. Ihre Hände berührten sich. Schnell zog sie die Hand zurück. Ihre Unterlippe zitterte, doch sie beherrschte sich.

Das Mädchen hatte etwas bemerkt und fing an zu schluchzen, Mama, Mama, ich will raus!, die Mütze war verrutscht und er sah, dass sie wie ihre Mutter heute einen Pferdeschwanz trug. Sie war die Miniaturausgabe ihrer Mutter, ein kleines Fohlen, dass all´ die Stimmungen des Muttertieres spiegelte, ohne sich dessen bewusst zu sein. Das Fohlen, die Stute und der Jaguar. Eine merkwürdige Vorstellung.

Seine Gedanken rasten, er wollte die Kleine ja nicht ängstigen. Er wollte auch Alice nicht verärgern. Sie sollten sich wohlfühlen bei ihm, so wie er sich mit ihnen wohlfühlte. Er suchte nach Worten, um sie zu beruhigen, irgendetwas Besänftigendes, um Zeit zu gewinnen, nur was?
„Bitte macht Euch keine Sorgen", sagte er schließlich. "Wo wollt Ihr hin? Ich möchte Euch gerne fahren! Das ganze unpraktische Gepäck, die kalten Bahnsteige, die Warterei. Da ist es doch hier weit besser! Nicht wahr, Emily? Ich fahre Euch, dann müsst ihr nicht so lange am Bahnhof herumstehen. Es ist kalt. Und die Züge halten ständig und überall, nur nicht dort, wo man es möchte, und aussteigen kann man auch nicht, wann man will. Wir hingegen können anhalten, wo und wann immer wir möchten!“

Alice hatte sich inzwischen etwas umgewandt, mit ihrer rechten Hand die kleinen Finger ihrer Tochter umschlossen, um diese zu beruhigen. Sie zog die Luft scharf ein, atmete wieder aus. Sie spürte ihr Handy in der linken Innentasche ihres Mantels, konnte es förmlich sehen. Zwei, drei Handgriffe entfernt. Es war nah und doch so fern. Aber es war zu riskant, sie musste abwarten, es auf andere Weise versuchen. Sie blickte ihn direkt an und sagte mit fester, recht ruhiger Stimme, über die sie selbst erstaunt war:
„Jeffrey. Wir wollen, dass Du jetzt hältst. Wir wollen jetzt aussteigen, hier. Genau hier.“
Emily wiederholte: „Hörst Du? Mama und ich wollen aussteigen!“

Er schluckte. Spürte, wie sein rechtes Bein zitterte. Auch seine rechte Unterlippe und sein rechtes Auge zucken. Das Kribbeln und Stechen, wie immer von rechts kommend. Hoffentlich kein Anfall. Rechts war seine Schwachseite. Er war Linkshänder, seine linke Seite hatte er meistens unter Kontrolle, aber rechts war seine Achillesverse. Zum Glück saß sie links von ihm und schien es nicht zu bemerken. Er holte mehrmals tief Luft, schloss die Augen, öffnete sie wieder. Es ging vorüber. Gott sei Dank. Der Schlafentzug der letzten Tage, die lange nächtliche Fahrt von London nach Deutschland, die Party. Er musste unbedingt auf mehr Schlaf achten.

Ihre Stimme kam näher, drang wieder zu ihm, sanft und fast flehend: Jeffrey! Komm´schon!!
Er hörte sich erwidern:
„Nein. Es tut mir leid. Ich kann Euch jetzt nicht rauslassen. Ich fahre Euch! Ihr werdet sicher und gut an Euer Ziel gelangen. Vertraut mir.“
Er fühlte sich nun besser, hatte wieder alles unter Kontrolle.

Sie schwieg, saß regungslos da und blickte angestrengt auf die vorbeieilenden Zeichen der Autobahn, auf der sie sich mittlerweile befanden. Offenbar dachte sie nach.
„Nun gut.", sagte sie schließlich. "Wir müssen nach Süden. Nach Liechtenstein.“

Liechtenstein also. Alice, Emily, der Jaguar und ich reisen nach Liechtenstein. So einfach geht es. Er lächelte wieder. Aus den Augenwinkeln erkannte Alice so etwas wie Dankbarkeit und Erleichterung auf seinem Gesichtsausdruck.

.

No comments:

Post a Comment