2. Kapitel - Vorgestern

Etwa eine halbe Stunde war vergangen. Emily hatte sich offenbar wieder beruhigt, sie sprach mit ihrem Plüschlöwen.
„Bald sind wir bei Adrian, dort bekommen wir ein eigenes Zimmer, so groß wie der ganze Kindergarten. Wir können dann mit den anderen Tieren in einer Höhle spielen, und ein Schwimmbad gibt es da auch. Vielleicht bringe ich Dir schwimmen bei?“
Und so weiter. Alice schwieg hartnäckig. Rechts und links von ihr flogen Verkehrsschilder vorbei, sie erkannte die Umrisse einiger Bäume, die noch immer in Winterstarre lagen, obwohl es schon Anfang April war. Sie nahm sie kaum wahr. Gedanken kreisten in ihrem Kopf, verweilten, wurden konkreter, um nur kurz darauf wieder zu verschwinden. Dann ein neuer Gedanke: Juri. Juri! Vielleicht könnte sie Juri anrufen, ohne dass Jeffrey sie daran hintern würde? Vielleicht wäre das eine Möglichkeit, und Juri könnte vermitteln und ihn zur Vernunft bringen? Schließlich war Juri auch Jeffreys Freund, Juri, der ihnen dies hier eingebrockt hatte. Juri, der die Fäden des Zufalls in der Hand genommen und sie vorgestern Nacht einander vorgestellt hatte.

Es war schon weit nach Mitternacht gewesen, in der Mitte seines Wohnzimmers. Die meisten Gäste hatten sich in die plüschige Sofaecke gekuschelt, einige rauchten, lachten leise miteinander oder unterhielten sich, andere hatten sich um den offenen Barbereich – eigentlich eine dieser modernen, freistehenden Küchen - gruppiert . Ein Mann und eine Frau tanzten versunken miteinander. Juri hatte Alice mit der Hand ein Zeichen gemacht, während er Jeff, von der gläsernen Schiebetür zur Terrasse her, die offen stand, mit der anderen Hand bis in Mitte des Raumes schob.
„Alice, das ist Jeff! Ich möchte, dass Ihr Euch kennen lernt.“
Er hatte, wie es so seine Art war, vielsagend vom einen zum anderen geblickt und wiederholt:
„Genau, Ihr solltet einander kennen lernen, Ihr zwei!“ Und, zu Jeffrey gewandt:
„Sie hat ein Herz für Briten, Jeff! Vielleicht hast Du Glück!“
Dann hatte er sein etwas zynisches Lachen gelacht, das typische Juri-Lachen, Jeffrey ermunternd auf die Schulter geklopft und sich mit den Worten verabschiedet:
„ Bis später! Ich muss mich jetzt um diese dunkelhäutige Schönheit da hinten kümmern.“

Sie hatten beide da gestanden und geschmunzelt, ihm nachgesehen, wie er sich, lang und dürr, mit schlaksigen Schritten entspannt auf besagte Schönheit zubewegte, und Jeffrey hatte die Augenbrauen angehoben, als wolle er sagen: Nun ja, das ist Juri. Wir kennen ihn beide. Wir wissen, dass er einen aus jeder erdenklichen Scheiße holen würde, wenn es nötig wäre, aber heute schmeißt er eine Party, und vermutlich er hat eine Line gezogen oder zwei, deshalb müssen wir jetzt alleine klar kommen.

Sie standen also einen Augenblick lang einander wortlos gegenüber, und sie ertappte sich dabei, dass sie seine Gestalt und sein Gesicht in sich aufnahm, die alles enthielten, worüber sie eigentlich gehofft hatte, hinweg zu sein. Er überragte sie um etwa einen halben Kopf, war schlank, aber nicht hager. Unter dichten, dunklen Wimpern funkelten mit ungewöhnlicher Intensität flaschengrüne Augen, die sie irgendwie an einen Luchs erinnerten. Seine scharfgeschnittenen Züge bildeten einen eigentümlichen Kontrast zu dem weichen, dunkelbraunen Haar, das zerzaust und widerspenstig in alle Richtungen stand, aber nicht ungepflegt war. Es hatte einen Stich ins Rötliche, zumindest schien es ihr bei dieser schummerigen Party-Beleuchtung so. Unter der leicht gebräunten Haut entdeckte sie bei genauerer Betrachtung jede Menge Sommersprossen. Und unmittelbar darunter – an den Schläfen und am Halsansatz - glaubte sie, seinen Pulsschlag wahrnehmen zu können. Möglicherweise hat er irisches Blut in sich? Der Gedanke gefiel ihr. Obwohl er nicht ungewöhnlich gekleidet war – ein grobgestrickter, dunkelgrüner Rollkragenpullover mit eingearbeitetem Reißverschluss am Hals und eine schwarze Kordhose zu braunen, robusten Lederschuhen- strahlte seine ganze Erscheinung so etwas wie lässige Extravaganz aus. Und es war, jedenfalls für Alice, auf den ersten Blick erkennbar, dass er Engländer war. Sie musterte ihn immer noch, was ihn zu einem amüsierten Lächeln veranlasste, wobei seine Augen sich verschmälerten und die Eckzähne weiß aufblitzen, was sie wieder an eine Raubkatze denken ließ. „Sollen wir hinausgehen, Alice?“
Sie nickte und folgte ihm auf die Terrasse.

Es war eine kühle, klare Nacht. Sie gingen am Pool vorbei, die drei Stufen hinunter auf die Rasenfläche. Dort standen ein paar andere Partygäste in Gruppen, darunter auch Leah und Isabelle, die sie von anderen Juri-Fêten kannte. Als sie ein paar Meter an ihnen vorbeigingen, ignorierte Leah sie jedoch vollkommen und rief stattdessen:
„Hey, Jeff! Auch mal wieder im Lande? Verkaufst Du eine neue Idee? Bleibst Du länger?“
Jeffrey warf ihr jedoch nur einen flüchtigen Blick zu, deutete mit dem Kopf eine halbherzige Begrüßung an und antwortete, ohne stehen zu bleiben:
„Nein, diesmal nicht, Leah.“
Dann wandte er sich Alice zu, berührte sacht ihren Arm und lenkte sie durch eine Gruppe dichter, kleiner Büsche über Juris weitläufigen Garten auf die breite Einfahrt, wo die meisten Gäste ihre Wagen geparkt hatte.
„Komm“, sagte er. „Da vorne steht mein Wagen.“
Es war ein schwarzer  Jaguar, ein britisches Limousinen-Modell, die Fahrerseite rechts. Und Alice stieg wie selbstverständlich links ein und versank in den hellen Ledersitzen, roch das dunkle Mahagoniholz und nahm auch Jeffs Geruch wahr, den Geruch einer Raubkatze, deren seidiges Fell gerade erst die Hitze der Mittagssonne abgibt.
OK. Ich habe mich in die Falle locken lassen. Für´s Erste. Aber es wird nicht so kommen, wie Du denkst. So einfach ist es nicht. Er unterbrach ihre Gedanken:
„Alles in Ordnung?“
Sie lächelte ihn an, gab sich souverän:
„Ja. Sicher.“ Und dann, mit einem Blick auf den weißen IPod, der im Schlummermodus am Armaturenbrett auf den nächsten Schritt zu warten schien:
Machst Du Musik an?“
Er nickte .„Natürlich.“
Seine Finger berührten das Touch Screen, ohne den IPod aus der Halterung zu nehmen - verdammt, er hat Finger wie ein Pianist! - und ohne sie nach einem Musikwunsch zu fragen, programmierte er das Gerät, bis nach wenigen Sekunden Bowies coole Stimme das Wageninnere durchflutete wie eine Welle.

Young Americans, Bowies souliges Amerika Album aus den 70ies. Sie hatte es lange nicht mehr gehört, wie lange nicht mehr, ach, so lange nicht mehr, dass ihr jetzt schmerzlich bewusst wurde, wie sehr sie es vermisst hatte! Und Bowie gab den Dingen plötzlich eine anderen Bedeutung. Vielleicht ist es ja doch nicht falsch, dass ich hier bei ihm sitze, zwei Tage vor meiner Abreise aus dieser Stadt? Vielleicht ist dies Teil meines Abschieds, oder es soll mich an etwas erinnern, was ich sonst vergessen hätte mitzunehmen, oder es ist ein Moment der Ruhe vor dem Sturm...?

Ohne es zu merken, hatte sie die Augen geschlossen, die Beine angezogen und die Arme darum geschlungen. Hatte den Kopf geleert und sich von der Intensität des Augenblicks mitreißen lassen. Sie hatte seine Gegenwart gespührt, fast so, als berühre er sie, die Erregung in sich aufsteigen spüren, sich aber nicht dagegen gewehrt. Er empfindet dasselbe, deshalb ist es okay.


Got to use her
Every time I feel fascination
I just can't stand still,
I've got to use her
Every time I think of what she pulled me through, dear
Fascination moves sweeping near me
Still I take ya


Doch er hatte sie nicht berührt.

Und als die letzten Akkorde ausklangen, hatte sie die Augen aufgeschlagen und gesehen, dass er sie nicht einmal angeblickt, sondern aus dem Fenster geschaut hatte. Trotzdem war offensichtlich, dass etwas passiert war. Sie hatte seinen Blick aufgefangen, wie können Augen in dieser Dunkelheit so grün leuchten?, ihr Blick war über seine Oberschenkel nach oben geglitten und er hatte es bemerkt, doch bevor er sich regen oder etwas hätte sagen können, hatte sie die Türe geöffnet mit den Worten:
„Ich muss gehen, Jeffrey! Mach´s gut., war aus dem Wagen gesprungen, über die Einfahrt und die Rasenfläche schnell zu Juris Bungalow gelaufen, hatte diesen durchquert und ihn, ohne sich von Juri oder sonst irgendjemandem zu verabschieden, durch den Vorderausgang verlassen. Und er - er hatte keine Anstalten gemacht, ihr zu folgen.

Ich weiß zwar nicht, was Du bist – ein Tier oder ein Mann - aber ich bin Dir entkommen! Du hast gewartet und gelauert, aber ich habe mich tot gestellt wie ein Opossum. Weißt Du, was ein Opossum ist? Das ist ein hässliches Tier, fast eine Ratte, und längst nicht so geschmeidig wie ein Luchs, aber doch sehr clever, mindestens so clever wie ein Luchs, Du siehst ja, Du bist schlau aber ich war einen Augenblick lang schlauer als Du, und so bin ich entkommen! Das hat Dich wohl überrascht, damit hast Du nicht gerechnet, nicht wahr?

Doch sie hatte nicht bedacht, dass Raubkatzen sich nie entmutigen lassen. Dass sie in Etappen jagen. Emily hätte es ihr sagen können, aber sie hatte diese Nacht einfach verdrängt und ihrer Tochter nichts von dem sonderbaren Zusammentreffen mit diesem Luchs oder Jaguar, der ihr in Gestalt eines Mannes begegnet war, erzählt – warum auch, einem vierjährigen Mädchen?! – und jetzt war es passiert. Er hatte sie erneut gestellt und sie war ihm aus Schwäche ein zweites Mal in die Falle gegangen. Diesmal jedoch war er vorgewarnt und würde sie nicht so leicht entgleiten lassen.

Und diesmal hat er auch Emily, und das ändert alles!

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