4. Kapitel - Alice entscheidet, sich nicht zu entscheiden

Kurz bevor die andere Alice der blauen Raupe begegnen konnte, schlief Emily ein.

Alice biss sich auf die Zunge, um zu schweigen. Jeffrey blickte sie an.
"Musik?"
"Wenn´s nichts lautes ist. Sie sollte ein wenig schlafen können."
"Keine Sorge. Das wird sie." Ohne den Blick von der Straße zu wenden, strich er über seinen IPod. Kurz darauf umhüllte sie ein Klangteppich. Erst ihre Gitarren. Dann ihre Stimme, so unverwechselbar.

I'm traveling in some vehicle
I'm sitting in some cafe
A defector from the petty wars
That shell shock love away
There's comfort in melancholy
When there's no need to explain
It's just as natural as the weather
In this moody sky today
In our possessive coupling
So much could not be expressed
So now I'm returning to myself
These things that you and I suppressed...


Alice schluckte.
"Joni."
"Ja. Jonis Reise. Hejira. Das Lieblingsalbum meiner Mutter. Es ist genau so alt wie mein Bruder und ich. Sie hörte es immer während der Schwangerschaft. Es half ihr wohl, das lange Liegen zu ertragen." Er blickte aus dem Fenster, runzelte die Stirn, fügte dann hinzu: 
"Nicht ganz einfach, so eine Zwillingsschwangerschaft."
"Bist Du der Ältere?", fragte Alice.
"Nein", antwortete er. "Er ist der Ältere."
"Seht Ihr Euch ähnlich?"
"Überhaupt nicht. Wir sehen uns nicht ähnlich, wir sind uns auch nicht ähnlich." Seine Antwort war beinahe brüsk.
"Willst Du nicht darüber sprechen?"
"Nicht unbedingt."
"Warum nicht?" 
"Ich sagte: Nicht unbedingt!"
"Hat er etwas, was Du nicht hast?" (Jetzt wollte sie es wissen.)
Jeffrey gab einen Zischlaut von sich, seine Augen wurden schmal. 
"Im Gegenteil: Ich habe etwas, was er nicht hat. Jetzt fragst Du mich natürlich was, richtig?"
"Richtig."
"Und Du wirst nicht aufhören zu fragen, bevor Du es nicht herausgefunden hast, hm?"
Alice lachte.
"So ist es."
Er lächelte. 
"Das dachte ich mir. OK. Lass´ es mich so ausdrücken: Er nahm mir die Luft zum Atmen. Bei der Geburt. Er wog das Doppelte von mir, und nahm mir einige Minuten lang die Luft zum Atmen. Und meiner Mutter das Leben."

Pause. Dann fügte er hinzu: 
"Sie und ich - wir hatten beide keine Luft mehr. Für mich hat es gerade noch gereicht, für sie nicht mehr. Ich wollte bei ihr bleiben, aber sie haben mich geholt. Ins Leben geschlagen haben sie mich. So etwas hat Folgen... Bei ihr hat das nichts mehr genützt, sie..." Er verstummte. Atmete tief ein und aus, sie sah, wie seine Hände auf dem Lenkrad zitterten, ebenso seine Beine. Mit der linken Hand umklammerte er das Lenkrad, die rechte Hand presste er auf sein rechtes Bein, wie, um es zu fixieren.

Ohne zu wissen, was sie tat, legte sie ihre Hand vorsichtig auf sein anderes Bein.
"Jeffrey."
Es dauerte eine Weile, aber das Zittern legte sich.

Und Joni sang...

You know it never has been easy
Whether you do or you do not resign
Whether you travel the breadth of extremities
Or stick to some straighter line
Now here's a man and a woman sitting on a rock
They're either going to thaw out or freeze
Listen...


Die schweizer Grenzbeamten winkten sie durch, ohne zu fragen. Sie fragten sie nicht nach ihren Papieren, nicht nach Emilys fehlendem Kindersitz und nicht danach, was in ihrem Inneren vorging.

Fortsetzung folgt!
***********